Abschlussarbeiten

Schreiben ist nicht nur eine kognitiv komplexe, sondern auch eine sehr emotionale Tätigkeit. Daher sind Abschlussarbeiten für jeden Schreibenden in der Regel eine ganz besondere Herausforderung, denn Prüfungssituationen setzen jeden von uns emotional unter Druck. Einige Menschen blühen unter diesem Druck auf, andere empfinden ihn als erdrückende Last.

Natürlich erscheint da der Gedanke, anstelle einer Abschlussklausur einfach einen Text anfertigen zu dürfen, im ersten Moment beruhigend. Am eigenen Schreibtisch genießt man immerhin den Heimvorteil und muss nicht fürchten, sich im entscheidenden Moment nicht an die eine richtige Antwort erinnern zu können – schließlich kann man die benötigte Information jederzeit nachschlagen.

Doch auch der eigene Schreibtisch kann letztlich nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass man sich beim Verfassen der Abschlussarbeit trotzdem noch immer in einer Prüfungssituation befindet. Und damit bleibt auch die Anspannung, die der Erfolgsdruck in jedem von uns wachruft, bestehen. Und diese kann einen empfindlichen Einfluss auf den eigenen Schreibprozess nehmen.

Während meiner Tätigkeit als studentische Schreibberaterin an der Universität hatte ich des öfteren mit Ratsuchenden zu tun, die bei ihren Abschlussarbeiten unerwartet auf Schwierigkeiten stießen, obwohl ihnen das Verfassen wissenschaftlicher Texte zuvor niemals Probleme bereitet hat. In den meisten Fällen waren sowohl innere Faktoren wie hohe eigene Erwartungen, als auch äußere Faktoren wie Zeit- oder Leistungsdruck die Ursachen für die nun aufgetretenen Schwierigkeiten.

Denn schreibend eigene Gedanken zu entwickeln ist auch so schon anspruchsvoll genug. Kommen dann allerdings auch noch Erfolgs- und Zeitdruck hinzu, kann selbst ein gesunder Ehrgeiz leicht zu übersteigertem Perfektionismus entarten und Nervosität und Unsicherheit zu regelrechter Versagensangst heranwachsen. Und dies kann dazu führen, dass unser Schreibprozess gehemmt wird oder sogar vollständig zum Erliegen kommt.

Daher halte ich eine Schreibberatung gerade bei Abschlussarbeiten immer für sinnvoll, weil hier der Raum ist, um sowohl offen über etwaige Ängste oder Unsicherheiten zu sprechen, als auch um eine unvoreingenommene Rückmeldung zum bereits vorhandenen Text, zum roten Faden, zur Struktur, zum Stil und zur Lesendenperspektive zu erhalten und konstruktive Impulse zur stetigen Verbesserung mitzunehmen.